ALEXANDRA MARIA LARA

„Man muss auch mal das Sinnlose
zulassen dürfen.“

28.11.2005, Berlin. Für Alexandra Maria Lara beginnt an diesem Montag eine Urlaubswoche. Sie ist den ganzen Tag vorzüglich gelaunt, erzählt beim Lunch im Hotel Mandala am Potsdamer Platz von den Dreharbeiten in ihrer alten Heimat Rumänien und widmet sich später in gelöster Atmosphäre den großen Fragen des Lebens.


INTERVIEW: ANDRÉ BOßE & JÖRG STAUDE | FOTOS : EGBERT KRUPP
STYLING: DIANA STIMPER | LOCATION: MANDALA, BERLIN/DESIGNHOTELS.DE
GALORE, 28.11.2005
ZUR PERSON

Alexandra Maria Lara wurde am 12.11.1978 als Alexandra Platareanu in Bukarest geboren.
Ihr Vater, der rumänische Theater-darsteller Valentin Platareanu, nutzte 1983 ein Tagesvisum, um mit seiner Familie nach Deutschland zu siedeln.
Seine Tochter Alexandra nahm ab 1997 Unterricht an seiner Schauspielschule
in Berlin.
Ihr Kameradebüt gab sie im Alter von elf, mit 16 spielte sie in der ZDF-Serie
„Mensch, Pia!“ ihre erste TVHauptrolle.
Nach dem internationalen Durchbruch als
Hitlers Sekretärin Traudl Junge in
„Der Untergang“, wurde sie zur
„Stil Ikone 2004“ (Bunte) und zur „Superwoman Of The Year“
(Maxim) gewählt.
Alexandra Maria Lara lebt mit ihrem
Lebensgefährten in Berlin.
ALEXANDRA, SIE HABEN einmal in einem Aufsatz für ,Die Zeit’ geschrieben, dass Sie derzeit nach Ihren großenFragen und den Fragen Ihrer Generation suchen.
Daher soll dies ein Gespräch über das Suchen und Finden dieser Fragen werden. Zunächst einmal: Wie würden Sie Ihre Generation definieren?
Alexandra Maria Lara: Das ist wahnsinnig schwer.
(überlegt) Ich denke, es ist einfacher, die Zeit zu definieren, in der wir leben.
Die Veränderungen, ausgelöst zum Beispiel durch die Medien und die Technik, sind ja extrem. Ich habe das Gefühl, dass der Mensch überfordert ist – und zwar unabhängig von der Generation. Zu viel Input, zu viel Information, zu viele Bilder. Man fühlt sich orientierungslos und spürt eine Leere. Meine Theorie, um dem Ursprung des Problems auf die Spur
zu kommen, lautet: Es ist einfach alles zu viel.
Gilt das auch für die junge Generation? Die ist schließlich
mit den neuen Technologien und Möglichkeiten
aufgewachsen.
Schon, aber da ist der Druck immens groß. Obwohl die Freiheiten da sind, fehlt durch den Leistungsdruck die Zeit, diese auch wirklich auszunutzen. Junge Menschen müssen heute unendliche viele Faktoren erfüllen, die ihnen von außen auferlegt werden. Mit diesem
Druck umzugehen ist nicht einfach.
An welchen persönlichen Beobachtungen machen Sie diesen Druck fest?
Daran, dass die Leute in meiner Generation keine Kraft mehr für andere, von der eigenen Person unabhängige Dinge haben. Ich habe den Eindruck, dass die früheren so genannten jungen Generationen politischere Menschen waren. Das aktuelle Zeitgeschehen wurde als
existenzieller und wichtiger wahrgenommen. Heute, scheint mir, ist alles eher egal. Themen, auch so große wie Krieg oder Frieden, ziehen vorbei, als säße man im Schnellzug. Das eine kommt, das andere geht – und zwar viel zu schnell. Dadurch wird alles schwammig.
Ein Beispiel: Drei Fernsehprogramme – damit kann ich umgehen. Bei 40 Kanälen, durch die ich zappen kann, wird die Wahrnehmung nebulös. Durch dieses Tempo werden den jungen Leuten Maßstäbe auferlegt oder vermeintliche Orientierungspunkte zum Glück gesetzt,
die meiner Meinung nach manchmal nicht die richtigen sind.
Nehmen wir das Glück und setzen es mit Sorgenfreiheit gleich: Wie soll eine Generation Glück empfinden können, die weiß, dass ihre Arbeitskraft zu einem Großteil nicht mehr gebraucht wird?
Eine spannende Frage. Ich habe das Glück, seit zehn Jahren konstant beschäftigt zu sein – ganz im Gegensatz zu vielen anderen Schauspielern aus meinem Umkreis.
Auch sie haben die Leidenschaft für diesen Beruf und würden sie gerne ausleben, kommen aber nicht zum Zug. So geht es vielen, ganz unabhängig vom Berufsfeld. Logisch, dass der Druck steigt, gut zu sein und einen eisernen Willen zu zeigen. Und all das muss geleistet werden von einer Generation, die ich ein wenig als verwöhnt bezeichnen würde.
Inwiefern?
Ganz einfach, weil wir beispielsweise keine Nachkriegsgeneration sind, weil es – weltweit betrachtet – ein Privileg ist, in Deutschland zu leben. Ein Glücksfall, den viele nicht als solchen zu nehmen wissen.
Stattdessen wird gejammert...
... und es fehlt der letzte Biss. Wenn echte Leidenschaft für etwas da ist, dann kann man bis ins letzte versuchen, diese auch auszuleben. Vielleicht nicht auf dem erträumten Level, aber immerhin.
Valentin Platareanu

Auf dem Höhepunkt seiner Karriere als Schauspieler und Theaterdirektor in Rumänien
– er war unter anderem Vizeintendant des Nationaltheaters – entschied sich Valentin
Platareanu zusammen mit seiner Frau und seiner damals vierjährigen Tochter Alexandra
seine Heimatstadt Bukarest zu verlassen.

Über Freiburg zog er nach Berlin – wohl wissend, dass er dort wieder von vorne anfangen musste.

Er gründete dort 1992 die staatlich anerkannte Theaterschule Berlin-Charlottenburg, wo er als Professor für Schauspielkunst lehrte.

In Film- und Fernsehen ist er bis heute wegen seines Akzents zumeist in den Rollen von
Osteuropäern zu sehen.
„Ich habe mich bei ,Wetten, dass...?’ gesehen und bin gestorben.
Drei Stunden lang hört man da im Hintergrund mein Lachen!“

ABER ICH BEOBACHTE eher die Tendenz, sich gehen zu lassen – und zwar so lange, bis alles zu verschwimmen beginnt: die Ziele, die Wünsche, die Fragen.
Haben Sie das Gefühl, dass Sie – nach zehn Jahren Schauspiel-Karriere – Ihrer Generation zu schnell entwachsen sind?
Das würde ich so nicht formulieren. Ich habe in den zehn Jahren Dinge erlebt, die mich zwangsläufig früher haben erwachsen werden lassen. Allein, weil man zumeist mit älteren Kollegen zusammenarbeitet. Ich habe das in manchen Momenten als schade empfunden,
hauptsächlich fand ich es aber cool.
Vermissen Sie ein Stück Unbeschwertheit, die Sie in der Endphase Ihrer Jugend, als Ihre Karriere begann, nicht mehr hatten?
Nein. Man hat versucht, mir das zu suggerieren. Aber diese zehn Jahre waren ja auch kein ständiger Gang nach oben. Ich habe viel Mist erlebt, der einen davor bewahrt, sich selbst zu verlieren und sich zu wichtig zu nehmen. Es gab definitiv auch Rückschläge. Einmal ist
meine kleine Rolle am Ende aus dem Film rausgeschnitten worden. Stellen Sie sich vor, Sie machen den Fernseher an, freuen sich, sich gleich in einem Film zu sehen – aber Sie tauchen gar nicht mehr auf. (lacht) Wissen Sie, ich bin wahnsinnig froh darüber, solche Sachen erlebt zu haben und trotzdem noch ein junger Mensch zu sein.
Wie war das in der Schule, als Sie mit 16 Ihre ersten Rollen bekamen: Waren Sie das coolste Mädchen der Klasse oder die Außenseiterin vom Fernsehen?
Leider eher die Außenseiterin. Ich habe in den ersten Jahren ja auch keine Filme gedreht, die die Menschheit unbedingt gesehen haben muss. (lacht) Ich war in der Schule generell weniger glücklich, und dann kam durch die Dreherei noch etwas hinzu, das mich zusätzlich
ausgrenzte. Ich war kürzlich bei einem dieser Abitur-Nachtreffen, und da fragten mich die Mitschüler von früher, ob ich mich in ihrem Kreis wirklich so unwohl gefühlt hätte. Ich glaube, es hatte damals vor allem mit meiner eigenen Empfindlichkeit zu tun. Ich wäre gerne
mit 15 oder 16 eines der angesagten Mädchen gewesen, war es aber nicht.
Was haben Sie damals vor allem vermisst?
Sicherheit. Sicherheit in den Fragen, wie man sich kleidet, was man sagen muss, wie man sich gibt. Ich empfand mich damals nicht als hübsch oder attraktiv und bin froh, dass sich das mit den Jahren geändert hat.
Was glauben Sie heute: Wie haben Sie damals auf Ihre Mitschüler gewirkt?
Altklug, was natürlich nicht wirklich cool ankam. Durch das, was ich erlebt hatte, war ich vielleicht einfach anders. Meine Erfahrungen beim Drehen, meine Herkunft aus Rumänien oder alleine der Faktor, dass ich meine Eltern liebe – eine Sache, die mit 16 nur bedingt
gut ankommt. Und als ich dann noch abends um 19.25 bei der Vorabendserie „Mensch, Pia!“ als keckes Mädchen zu sehen war – da war es am nächsten Morgen in der Schule nicht ganz einfach. Ich hätte das meinen Mitschülern gerne alles erklärt: dass ich selber nicht dachte, ich sei fantastisch, dass ich einfach nur froh war, den ersten Schritt gemacht zu haben und so
weiter. Aber das wollte natürlich keiner hören. Gründe und Erklärungen interessieren keinen – eine spannende Erkenntnis, die zweifelsohne nicht nur für meine Mitschüler gilt.
Woher kommt diese Erkenntnis?
Durch die Beobachtung, dass sich die Menschen generell ihre eigenen Bilder machen. Ich zum Beispiel liebe meinen Beruf. Mein Beruf ist es, an Drehtagen zum Set zu gehen und meine Rolle zu spielen. Das hat nichts mit Glamour zu tun. Es ist häufig schweinekalt, körperlich anstrengend – aber diese Arbeit macht mir Spaß.
In den Feldern, die in den Jahren dazu kamen – zum Beispiel, richtig mit der Presse und der Öffentlichkeit umgehen – habe ich mich sehr bemüht, mich richtig zu verhalten. Allerdings nur, um später festzustellen, dass dieses Streben nichts bringt. Wer dich scheiße findet, findet dich scheiße. Damit musst du leben, das wirst du auf Biegen und Brechen nicht ändern können.
Wie wichtig ist es für einen Schauspieler, gebildet zu sein?
(überlegt) Ich glaube, es ist möglich, nicht besonders klug, aber doch ein guter Schauspieler zu sein. Das sage ich aus dem Bauch heraus – basierend auf Geschichten, die ich von anderen kenne, aber auch auf eigenen Erfahrungen.
Die berufliche Qualität eines Schauspielers hängt nicht zwangsläufig mit seinem Intelligenzquotienten zusammen. Sein Job ist es ja gerade, Dinge vorzutäuschen, die nicht sind. Aber beim Schauspieler ist es wie bei allen anderen Berufen: Ein bisschen Bildung
schadet nie. Nehmen Sie zum Beispiel meine Rolle der Marie Walewska in „Napoleon“ – da wäre es schon peinlich gewesen, wenn mir der Regisseur Fragen zu der historischen Person gestellt hätte und ich sie gar nicht einordnen hätte können.
Wie ist das beim Casting: Kann da zur Schau gestellte Bildung nicht – ähnlich wie in einer Schulklasse – altklug wirken und wenig förderlich sein?
Klar. Da wird man ja immer mal wieder Sachen gefragt, bei denen man nicht rumstelzen, sondern einfach und klar antworten sollte. Einmal wurde ich zum Beispiel gefragt, welche Drogen ich nehme, wenn ich abends in Berlin ausgehe. Derjenige wollte sicherlich
keine gebildete Schwafelei hören. (lacht)

„Die Direktheit, die andere in hohen Tönen loben, hat mir schon immer zu schaffen gemacht. Ich verstehe nicht, warum einige den Drang haben, ihr Gegenüber immer mit etwas zu konfrontieren.“

WAS WAR IHRE Antwort?
Weiß ich nicht mehr, ist schon zu lange her. (lacht)
Noch einmal zurück zur Bildung: Was, glauben Sie, ist die Gefahr daran, dass die Menschen heute immer mehr wissen können – weil so viel Wissen abrufbar ist – aber immer weniger begreifen?
Dass man das Wesentliche aus den Augen verliert.
Mich persönlich interessiert die emotionale Ebene viel mehr als die informative. Sich mit Wissen zu schmücken ist die eine Sache, aber manchmal sind die simplen Gedanken die besseren.
Wer nicht begreift, greift zu Verdrängungsmechanismen – ist auch das eine Charakterisierung Ihrer Generation? Zum Beispiel, wenn man auf den steigenden
Drogenkonsum schaut.
Bestimmt. Fehlende Leidenschaft für bestimmte Dinge, das Gefühl von zu viel Druck, von Angst: All das führt sicher dazu, dass Verdrängung eine größere Rolle spielt und man Mechanismen wählt, die diese Verdrängung zulassen.
Glauben Sie, dass diese Verdrängung auch bei den Beziehungskisten Ihrer Generation eine Rolle spielt? Es wird immer später geheiratet – oft verbunden mit dem Kommentar, man
möchte sich nicht zu schnell binden.
Zuerst einmal: Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass jeder Mensch das Grundbedürfnis hat, lieber zu zweit durch das Leben zu gehen als alleine. Wobei es sicher die berühmtberüchtigten Phasen gibt, in denen man denkt, man habe sich gerade ein wenig verloren auf der Strecke und müsse sich erst mal wiederfinden und schauen, wo man steht.
Diese Phase scheinen Sie hinter sich zu haben. Sie sind seit mehr als acht Jahren mit Ihrem Lebenspartner zusammen.
Das ist ein Weg, das Grundbedürfnis nach Zweisamkeit zu stillen. Einer, der viel mit Glück zu tun hat. Ein anderer ist, sich in jungen Jahren richtig auszutoben und dann über die eventuelle Leere nach der Austoberei zu entdecken, dass die Sehnsucht da ist, irgendwo anzukommen. Was beide Wege eint, ist, dass man an einem gewissen Zeitpunkt spürt, dass es sich dafür zu kämpfen lohnt. Was aber niemals ausschließt, dass auch der Punkt kommen kann, an dem man eine dauerhafte Bindung doch wieder in Frage stellt. In der Beziehung sind die Menschen wahnsinnig kompliziert.
Verliebt sein heißt?
Sich des Glücks bewusst zu sein.
Als Prominente verliebt sein heißt?
Dazu in der Öffentlichkeit nichts zu sagen.
Was denken Sie, wenn Sie erleben, wie Ihr Schauspielkollege
Till Schweiger das Ende seiner Ehe über die ,Bild’ zelebriert?
Nichts Schlechtes, denn es ist ein offensiver Schritt, der wahrscheinlich wohl überlegt ist. Da trennen sich zwei Menschen, die sich ganz sicher lieber für sich trennen würden – da bin ich mir sicher. Aber sie wissen, dass sie in der Öffentlichkeit stehen und vier Kinder im Spiel
sind. Und sie müssen irgendwie damit umgehen. Trotzdem: Ich stelle es mir schrecklich vor und ich kann das auch nicht lesen. Es hat keinerlei Reiz für mich.
Belastet Sie die Angst vor dem Boulevard? Die eventuelle Frage, irgendwann mal selber zwischen diesen beiden schlechten Optionen – zerfleischen lassen oder sich selber verkaufen – wählen zu müssen?
Ja. Ich probiere, mich so wenig wie irgend möglich damit zu belasten, aber ich mache mir Gedanken, wie ich das in Zukunft handhaben werde. Das hat mich übrigens nie jemand gefragt: Ob ich damit umgehen könne, dass sich der Boulevard für mein Leben interessiert.
Darauf wird man nicht vorbereitet. Bei gecasteten Popgruppen ist das anders. Die bekommen
direkt ein Medientraining. Aber von Leuten, von denen ich mich garantiert auf nichts vorbereiten lassen würde. Schlussendlich bleibt es an dir selber.
Und weil Sie das wissen, bleiben Sie unsicher?
Ja.
Das hat man bei „Wetten, dass...?“ gesehen.
Ein gutes Beispiel. Ich lag nachmittags noch auf dem Bett und war unglaublich müde, hatte gar keine Kraft für einen Auftritt, von dem man weiß, dass Millionen zuschauen. Sie müssen sich das vorstellen: Ich saß da drei Stunden auf der Couch, geredet habe ich vielleicht
sieben Minuten. Da kann man ganz unterschiedliche Verhaltensweisen beobachten. Einigen ist das wahrscheinlich wurscht, die sitzen einfach da. Ich hatte den Anspruch an mich selber, alles interessant zu finden, was da erzählt wird. Das fand ich natürlich nicht, aber
trotzdem möchte man sich da nachher nicht mit einem gelangweilten Gesicht sitzen sehen.
Haben Sie sich die Sendung nachher noch einmal angeschaut?
Ja, und ich bin gestorben. Drei Stunden lang hört man da im Hintergrund mein Lachen! Gut, ich habe mich selber damit getröstet, dass die Leute denken könnten, es sei Yvonne Catterfeld. Wie auch immer: Man kann bei so einem Termin natürlich nicht drei Stunden vorher anrufen und sagen: „Ich schlage vor, heute Abend geht lieber jemand anderes zu „Wetten, dass...?“.
Gab es schon mal einen TV-Auftritt, bei dem Sie sich richtig wohl fühlten?
Es ist sehr selten. In den meisten Fällen spüre ich den Druck. Ich denke daran, wie ich aussehe, ob ich meinem Anspruch gerecht werde, zumindest halbwegs gescheit zu wirken...

„Youth Without Youth“

Das Kino-Comeback des großen Hollywood-Regisseurs Francis Ford Coppola
(„Der Pate“) ist für Alexandra Maria Lara eine Rückkehr in ihr Geburtsland:

In Rumänien dreht sie derzeit zusammen
mit der Hollywood-Legende und einem international besetzten Team (u.a. Bruno
Ganz und Tim Roth) „Youth Without Youth“, die Verfilmung einer in Rumänien sehr bekannten Novelle des Schriftstellers Mircea Eliade.

Der Film kommt 2006 in die Kinos.
DABEI MUSS ICH diese Dinge eigentlich gar nicht leisten, weil sie mit meinem Beruf herzlich
wenig zu tun haben. Auch ein interessantes Phänomen: Nicht jeder Schauspieler kann reden. Unser Job ist es, Texte zu interpretieren und auswendig zu lernen, die von anderen geschrieben wurden. Reden oder eine Laudatio zu halten oder eine Show zu moderieren: Da
sind ganz andere Dinge gefragt. Aber mittlerweile finde ich es nicht mehr so schlimm, mich in Talkshows sitzen zu sehen. Was nutzt es, da noch dreimal zurückzuspulen...
Man hat eben seinen Stil, und wenn man sich in einer Sendung gerade ganz dufte findet, gibt’s da draußen eine Menge Leute, die das ganz anders sehen.
Wo Sie gerade über Ihren Stil sprechen: Die Nutzer von Bunte-Online haben Sie zur Stilikone und bestangezogenen Frau Deutschlands gewählt.
Verrückt, oder? Eine der lustigsten Überraschungen aller Zeiten! Ich habe nämlich beschlossen, in diesem Feld den Druck einfach zu ignorieren. Sehen Sie sich nur einmal die wichtigen Preisverleihungen der Filmbranche an: Da sitzen die Menschen mit angestrengten
Gesichtsausdrücken, vor allem auf den Frauen lastet ein ungeheurer Druck. Wehe, man wird mit einem schon bekannten Kleid gesehen – eine Sache, die ich nicht verstehe. Warum darf man sein Lieblingskleid nicht 15 Mal anziehen? Also: Ich bevorzuge unexotisch.
Wenn ich mir jetzt einen roten Hut aufsetzen würde... (lacht) Ich hatte noch nie Lust, durch Klamotten aufzufallen. Schon als ich früher mit der grauen U-Bahn und den grauen Leuten durch die Stadt fuhr, hätte ich nie einen kurzen Rock oder einen auffälligen Pulli in türkis getragen. Das hätte mich um den Verstand gebracht.
Durften Sie zu Hause so auffällige Kleidung nicht tragen?
Im Gegenteil. Meine Mutter macht sich viel aus Mode. Sie trug lange einen roten Mantel, der durch den ganzen U-Bahnhof leuchtete, und ich stand immer daneben und dachte: Kann sie nicht bitte einen anderen Mantel anziehen? (lacht) Also: Ich widersetze mich dagegen
aufzufallen, bin also in Sachen Stilikone eine Fehlbesetzung.
Warum? Schließlich setzen Sie einen gesunden Gegentrend.
Wenn das nicht Stil hat, was dann?
Na gut, irgendwie schon. Aber nicht aus Stilgründen, sondern aus Selbstschutz, weil mir der Druck einfach zu groß ist.
Erklären Sie mal, warum so viele andere tolle Schauspieler diesem Druck erliegen und zum Beispiel eine Preisverleihung in Sachen Kleidung, Laudatio oder Dankesrede so gestelzt und unecht daherkommt.
Es ist seltsam. Im schönsten Falle wäre es ja so, dass man sich für diesen tollen Anlass – es gibt Preise, die Branche feiert sich – hübsch macht, dagegen ist ja nichts einzuwenden. Wie die Verkleidung beim Karnevalsumzug, wie das Dirndl beim Oktoberfest.
Dadurch, dass eine solche Verleihung aber ein Produkt von der Öffentlichkeit für die Öffentlichkeit ist, entsteht Konkurrenz. Für manche ist eine solche Veranstaltung
und ein Foto von ihnen in der Zeitung so wichtig, dass es etwas regelrecht Existenzielles bekommt. Darum ist die Stimmung auf solchen Verleihungen
schwierig. Ich erinnere mich an den Abend,an dem ich den wunderbaren Preis ‚Woman of the year’ bekommen habe. Ich hatte mir dafür ein elegantes Oberteil ausgesucht, zu dem mein Freund nur sagte: „Das geht gar nicht.“ Also: Oberteil aus, Pulli an – und ich fühlte mich da auf der Bühne zwischen all den Damen mit ihren Paillettenoberteilen und kurzen Röcken einfach nur pudelwohl.
Harald Schmidt begründete einmal sein Fernbleiben bei solchen Verleihungen damit, dass sich dort wildfremde Menschen in den Armen lägen, als hätten sie vor zwei Wochen zusammen einen Flugzeugabsturz überlebt.
Herrlich. Aber: Man kann sich dort wohlfühlen, wenn man es auf wunderliche Art und Weise schafft, entspannt drauf zu sein. Natürlich müssen da einige Bedingungen erfüllt sein: Eine tolle Begleitung, die Aussicht auf drei, vier Cocktails mit lustigen Leuten, die man lange nicht mehr gesehen hat. Ich habe entschieden, nur noch hinzugehen, wenn ich hundertprozentig
Bescheid weiß, dass es so kommen wird.
Wenn man weiß, dass ein schlechter Kommentar, ein „Mein Gott, was bist du dünn geworden“ ausreicht, um einen runterzuziehen, sollte man es sein lassen.
Aber wie übersteht man diese vielen Begrüßungen?
Nun, ich bin ja jemand, der andere Menschen sehr gerne in den Arm nimmt. Ein körperlicher Mensch...
Man könnte sagen, dass Sie damit in die so genannte Intimsphäre Ihres Gegenübers eindringen...
... was für Deutschland vielleicht stimmt – ohne verallgemeinern zu wollen – , in meinem Herkunftsland Rumänien jedoch anders ist. Wenn ich dort bin, wie jetzt gerade bei Dreharbeiten, fällt das gar nicht auf.
Müssen Sie sich in Deutschland in dieser Hinsicht verstellen?
Das schaffe ich ja nie – und ich habe für diese Art auch schon mal einen auf den Deckel bekommen. Ich habe mir vorgenommen: So, jetzt ein neuer Film, eine neue
Crew – jetzt gehst du mal nicht sofort auf alle zu und gibst ihnen die Hand und erzählst von dir. Das hat eine Stunde geklappt, dann merkte ich wieder, dass diese ruhige Art einfach nicht meine ist und ich mich nicht verstellen möchte.
Kann es sein, dass Sie in diesem Jahr aufgehört haben, sich Sachen vorzunehmen?
(begeistert) Ja, und das ist ein sehr schönes Gefühl. Das Jahr war nicht ganz einfach – der Druck durch die Öffentlichkeit und die Medien ist mir in dieser Zeit doch so sehr an die Nieren gegangen, dass ich dachte: Da ist irgendwas nicht ganz richtig. Ich habe mich also
gefragt: Was ist da nicht ganz richtig, und was kann ich in Zukunft anders machen, damit mich das nicht mehr belastet?
Etwas anders machen ohne sich zu verstellen – eine schwierige Aufgabe, oder?
Schon, aber der entscheidende Schritt ist, sich vom Kopf her nicht mehr abhängig davon zu fühlen, was andere über mich denken. Das Risiko, etwas falsch zu machen oder mit seiner Art daneben zu liegen, ist immer da. Nur: Die Gedanken daran und die ständigen
Überlegungen, wie jetzt was wirkte – darin war ich Expertin. Und um dieses Expertentum gar nicht erstaufkommen zu lassen, musste ich ein paar Dinge ändern. Das war wichtig.
Filmografie (Auszug)

Die Bubi Scholz Story (1997)
Südsee, eigene Insel (1998)
Crazy (2000)
Honolulu (2001)
Was nicht passt,
wird passend gemacht (2001)
Nackt (2002)
Der Untergang (2004)
Cowgirl (2004)
Vom Suchen und
Finden der Liebe (2005)
Der Fischer und seine Frau (2005)
"Ich habe schon viele sinnlose Streits provoziert.
Und das macht mir manchmal auch Spaß.“
HALTEN WIR ALSO fest, dass Sie sich von der reflexiven Jugend emanzipieren.
27 ist ein super Alter, damit anzufangen, nur noch das zu machen, was man möchte. Wissen Sie, früher habe ich keine Einladungen bekommen. Da habe ich den Deutschen Fernsehpreis geschaut und gedacht: Wenn ich da doch nur einmal sein könnte. Dann kamen die Einladungen, und ich kann mich noch darin erinnern, dass ich das als ganz besonders empfunden haben. Diese Karten sehen ja auch sehr schön aus: Silberglänzend,
in Gold verpackt, so was schmeißt man ja nicht weg. Aber irgendwann spürt man, dass einen
diese Dinge nicht erfüllen. Ich bin quasi auf dem Boden der Tatsachen gelandet.
Ist das ernüchternd, wenn sich der Mädchentraum als nicht erfüllend erweist?
Nein, es ist toll. Es gibt mir die Freiheit, die ich vorher nicht hatte. Ich bin froh, diese Träume gehabt zu haben. Und jetzt bin ich froh, einen Punkt erreicht zu haben, an dem ich davon losgelöst ich selber sein kann.
Was, neben den Einladungen, war Ihr Traum?
Ganz ehrlich: Ich hatte nie den Wunsch, erfolgreich zu sein. Deshalb war ich bei Castings lockerer als andere Schauspielerinnen, die da mit verkniffenen Gesichtern saßen. Mein Traumziel war, bestimmten Idioten beweisen zu können, dass ich sehr wohl spielen kann.
Da gab’s nämlich immer Leute, die wegen meiner Erscheinung gesagt haben: Na ja, sieht gut aus, mit den Augen kullern kann sie ja. Da kam der sehr starke Wunsch auf, durch meine Arbeit zu beweisen, dass ich mehr kann. Nicht Erfolg war mein Traum, sondern Anerkennung.
Aber führt der Wunsch, es den anderen zu zeigen, nicht auch dazu, dass man sich selber unter Druck setzt?
Ja, aber es ist ein anderer Druck. Ich hätte auch Sprachen studieren und Lehrerin werden können. Ich hätte anders unterrichtet, als die, von denen ich mich distanzieren möchte. Das hätte für mich auch funktioniert. Ich hätte mich wohl gefühlt – und vielleicht sogar eher
als in der Schauspielerei, wo es für mich am Anfang schwierig war.
Sind es grundsätzlich Gegner, die Sie antreiben? Schlechte Lehrer, kritische Mitschüler...
Ich brauche Gegner nicht. Sie machen das Leben schwieriger. Kritik ist ja im Prinzip eine spannende und sinnvolle Sache, wenn sie sachlich ist. Ich persönlich äußere keine unüberlegte Kritik und bin auch nicht sehr empfänglich dafür. Die Direktheit, die andere in
hohen Tönen loben, hat mir schon immer zu schaffen gemacht. Ich verstehe einfach nicht, warum einige Menschen den inneren Drang haben, ihr Gegenüber immer mit etwas zu konfrontieren. Warum? Konfrontiert euch doch erst einmal mit euch selber!
Man muss auch gönnen können?
Richtig, das fehlt. Nehmen Sie nur den Kameraschwenk, wenn bei einer Preisverleihung der Siegername genannt wird, und schauen Sie in die Gesichter der anderen. Freude sieht man da nicht immer.
Können Sie uns etwas nennen, was Sie derzeit vermissen?
(überlegt) Reisen vielleicht. Beruflich bin ich viel unterwegs, und danach froh, zu Hause zu sein.
Und wenn wir Ihnen eine Million Euro gäben, was würden Sie sich kaufen?
Einen privaten Tanzsaal. Das wäre toll. Ich habe früher in einer Gruppe getanzt, aber dafür war ich zu langsam. Wenn ich noch bei der dritten Schrittfolge war, waren die anderen schon bei den Choreografie-Punkten sechs oder sieben. Ich liebe es zu tanzen und würde
es in meinem Privatsaal ganz für mich alleine üben.
Und nach was suchen Sie? Nach was sucht Ihre Generation?
Nach Sinn. Die gute, alte Frage: Was ist der Sinn? Eine Frage, die alle Menschen eint. Die Sinnsuche ist kompliziert und konstant.
Wer findet schon den Sinn auf Erden?
Richtig, aber wer das Glück sucht oder ganz schlau ‚Carpe diem’ sagt, hat es auch nicht einfacher. Klar, nutze den Tag. Aber wenn du einen Scheißtag hast, bringt dir das gar nichts. Man muss das Sinnlose auch mal zulassen dürfen. Wichtig ist, dass die Gründe da
sind. Grundlos den Kopf in den Sand zu stecken, ist nicht gut. Dann gibt man den Problemen zu viel Raum – ein Grund, warum heute so viele Krankheiten im Kopf entstehen. Aber es ist schwer, sich dagegen zu wehren. Dazu kommen viele Einflüsse wie die Familie,
der Erwartungsdruck der Gesellschaft, der Erwartungsdruck, den man sich selber aufbaut. Mit all dem umzugehen – dazu braucht man Kraft. Woher nehmen?
Indem man offen für das Schöne bleibt. Darum umarme ich so gerne.
Haben Sie eine Tendenz zur Harmoniesucht?
Eben nicht. Sie wissen ja nicht, wie viele sinnlose Streits ich schon provoziert habe! Und streiten macht mir manchmal auch Spaß. Irgendwann ertappt man sich dann dabei, wie sehr man gerade ein bestimmtes Wissen über eine andere Person ausnutzt.
Sind Sie laut, wenn Sie streiten?
Ja. Laut und ordinär.
Dann erzählen Sie uns doch bitte mal einen schmutzigen Witz. Wir haben gelesen, das tun Sie so gerne.
Ich habe nichts dagegen, schmutzige Witze zu hören. Aber ich vergesse immer die Pointen.
Die gehören doch zum Text, die müssen Sie doch behalten können.
(lacht) Das sind aber nun mal keine Texte, für die ich bezahlt werde.